"Hängt ihn auf, die gelbe Sau" - vier Jahre nach Robert Enke

Sebastian Koch wirft am vierten Todestag von Robert Enke einen kritischen Blick auf den Leistungssport.

 

 

Vorgestern tobte in Hannover noch das Niedersachsen-Derby gegen Eintracht Braunschweig, heute herrscht im Umfeld von 96 die alljährliche Trauer, die nun mal angebracht ist, wenn sich der Tag des Dramas um Robert Enke jährt. Traditionell wird dieser Tag vom DFB und von Medien in ganz Deutschland als der "Tag, der den deutschen Fußball veränderte" hochstilisiert.

Doch, ist er das wirklich? Hat sich der Fußball, insbesondere der Profifußball, seit jenem Drama am 10. November 2009 wirklich verändert?


In der Tat ist seit jenem November-Tag ein Ruck durch die deutsche Gesellschaft gegangen - es vergeht kaum noch eine Woche, in der deutsche Medizinzeitschriften nicht über psychische Krankheiten, wie Depressionen oder Burn-out, berichten und informieren.

Ja, die deutsche Medienlandschaft bemüht sich zumindest, uns für solche Krankheiten zu sensibilisieren und auch im Profisport gab seit Robert Enke vermehrt "Coming-outs" von Sportlern mit Depressionen. In der Bundesliga musste sich ausgerechnet der Ersatztorwart von Hannover 96, Markus Miller, eine mehrmonatige Auszeit wegen Depressionen nehmen und im alpinen Skisport schockierte US-Glamour-Star Lindsey Vonn die Öffentlichkeit  mit ihrem Depressionen-Geständnis im letzten Jahr. Das sind nur zwei Beispiele unter vielen.

Ja, Enke scheint Profisportler aus aller Welt und aus allen Disziplinen auf tragische Weise sensibilisert zu haben. Die Medienwelt scheint er allerdings nicht erreicht zu haben.

In den ersten Monaten noch Vorreiter in Sachen "Aufklärung", haben die Sportteile der Republik bis auf den 10. November jeden Jahres diese Rolle weitgehend abgegeben. Nach wie vor tragen sie den Leistungsdruck in die Öffentlichkeit und so musste sich beispielsweise der sonst so solide Keeper des SC Freiburg, Oliver Baumann, nach dessen Slapstick-Einlagen vor knapp zwei Wochen mit wenig schmeichelhaften Spitznamen wie "Pannen-Olli" konfrontiert sehen. Nur, um wenige Tage später als "Held von Freiburg" für seine Paraden gegen Nürnberg wieder gefeiert werden. Für psychisch labile Sportler, ohne Baumann in irgendeiner Form zu nahe treten zu wollen, ist eine solche mediale Achterbahnfahrt mit Sicherheit nur schwer zu ertragen.

Hinzu kommen die immer mächtig werdenden sozialen Netzwerke. Stefan Kießling musste seinen Facebook-Account nach dem "Phantom-Tor" wegen Anfeindungen löschen und auch Tennis-Star Angelique Kerber hatte nach ihrem Wimbledon-Aus erhebliche Probleme mit Facebook- und Twitter-Anfeindungen.

Nachdem sich Fußball-Schiedsrichter Babak Rafati im November 2011 vor einem Bundesligaspiel das Leben nehmen wollte, waren Reaktionen auf Facebook, wie etwa "Hängt ihn auf, die gelbe Sau", noch die freundlichsten. Bis heute ist Rafati dem Leistungsdruck Bundesliga nicht mehr gewachsen und gab im Mai 2012 seinen Rücktritt bekannt. 

Nein, auch vier Jahre nach Robert Enkes Suizid hat sich im Spitzensport wenig bis gar nichts geändert. Die anfänglich guten Absichten und Vorsätze sind mittlerweile nicht mehr gültig. Das ist die traurige Realität, mit der sich Spitzensportler in aller Welt konfrontiert sehen.

Und dennoch wird es am heutigen vierten Jahrestag wieder Erinnerungen an Robert Enke, in Form von sentimentalen Reden mit erhobenem Zeigefinger, geben. Für was das alles dienen soll, ist jedoch fraglich - schon morgen werden die Reden von heute wohl wieder vergessen sein.

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Kommentare: 1
  • #1

    Hanna Schwichtenberg (Sonntag, 10 November 2013 14:30)

    Bei Internet- Bashing und anderen Formen des Mobbing gibt es nur ein Gegenmittel: niemals selbst mitmachen und denen, die so etwas tun, keinen Beifall geben, ihnen vielmehr öffentlich widersprechen. Wichtig ist, eine faire und konstruktive Feedback-Kultur in allen Bereichen der Gesellschaft, gerade auch im Leistungssport aufzubauen. Kritik ja, Fertigmachen nein!